Nacht der Welt
"line erste Voraünung von dem,
einmal als Tekkno-Party bezeichnet wer-
den wird, findet sich in Hegels sogenann-
ter 'Jenaer Realphilosophie'. Dort wird ein tech-
nisch-therapeutisches Verfahren vorgestellt, das
das in den Ritualen der Gewohnheit befangene
Individuum kräftig durcheinander zu bringen
verspricht. Worum es geht, das ist die Geburt der
Tekkno-Party aus dem Geist des Geschützdon-
ners. Um es nicht so spannend zu machen: was
im Leben faul gewordener Völker und Nationen
der Krieg bewirkt (nämlich eine gewaltige Er-
schütterung, die alles Festgewordene und Er-
starrte wieder in die Flüsfei^eit des historischen
Prozesses überführt) leistet für den Bereich des
modernen Preizeitlebens die Tekkno-Party. Die
Destruktivkräfte des neuzeitlichen Krieges fin-
den - pazifistisch gewendet - Eingang ins musika-
lisch-technische Gesamtkunstwerk. Wie gestern
im Kugelhagel kommt heute der Mensch im
Stroboskopgewitter zu sich selbst, erfährt sich als
das, was er jenseits seiner vom bürgerlichen
System des Wohlseins diktierten Rolle eigentlich
ist; ein Nichts, eine tabula rasa^ die sich jederzeit
neuer Beschriftung zu öffnen hat. Wenn, wie
Hegel meint, der Prozeß der Subjektivität großer
erschütternder Erfahrungen bedarf, die "alles
Fixe" beben und alles Bestehende absolut flüssig
werden lassen^, so kann die Tekkno-Party hier
ähnlich zuverlässige Dienste leisten wie das
Erlebnis der Bewährung im Kampfe.
2 Schon Hegel war sich im Klaren darüber,
daß die Läuterung des Spießers zu einem
von jeder Bestimmtheit befreiten Selbst,
zur "reinen abstrakten Negativität", sich nur in
einem hoch technisierten Fegefeuer angemessen
verwirklichen läßt. Nicht in der heißen Wut eines
Kampfs von Mann gegen Mann, "wo der Einzelne
den Gegner ins Auge faßt und in unmittelbarem
Hasse denselben tötet" , sondern nur in der ganz
und gar nackten Angst, in dem von jedem
persönlichen Haß gereinigten abstrakten Stahl-
gewitter des modernen Krieges, erfährt das
Subjekt seine wirkliche innerliche Auflösung, das
absolute Flüssigwerden all seiner Be-
stimmungen. Die vollkommenste Negativitätser-
fahrung, die sich Hegel denken 'konnte, ist das
Abfallprodukt einer Krieg^technik, die die Ge-
fahr des Todes zu einer ebenso abstrakten wie
allgegenwärtigen macht: Zeitgemäß erfährt das
Ich die äußerste Erschütterung seiner selbst nur
in der abstrakten Angst vor einem ungreifbaren,
kalten und gleichsam maschinellen Tod, der "leer
gegeben und empfangen wird, unpersönlich/ aus
dem Pulverdampf" .
3 War für Hegel die Erfahrung der Ichiosig-
keit an die "wirkliche Aufopferung des
Selbst" in "Soldatenstand und Krieg" ge-
koppelt, so erlaubt der heutige Stand der Produk-
tiv- und Simulationskräfte ein zivileres Vorge-
hen; Rein technisdh ist beispielsweise die Erfah-
rung von Hochgeschwindigkeit längst nicht
mehr ans Paradigma der Gewehrkugel geknüpft.
deren Pfeifen man erst hört, wenn man schon tot
ist; ebenso wenig wie man sich heute unter der
Flugbahn einer Kanonenkugel postieren muß,,
um zu spüren, was eine Druckwelle ist. Die
Tekknoparty löst solche einst der Fronterfahrung
vorbehaltenen Schockmomente moderner Tech-
nik aus ihrem kriegerischen Zusammenhang und
integriert sie in der friedlichen Prozedur einer
hoch instrumentierten Ekstase technik. Unter Ver-
meidung ihrer realen Entfesselung beschwört sie
die ungeheure Wirkung neuzeitlicher Destruk-
tivkräfte: Was dem Grabenkrieg sein Trommel-
feuer, ist der Tekknoparty die non-stop-Behage-
lung des Trommelfells; Schwaden künstlichen
Nebels lassen Freund und Feind ununfcerscheid-
bar werden; Bässe im Infraschall parodieren den
Geschützdonner von Jena. Über die Wirkung des
Stroboskop-Effekts, der dem Tekkno-Subjekt das
Schauspiel aufblitzenden Mündungsfeuers er-
setzt, hat bereits Hegel sich kennerhaft geäußert:
Erschafft eine "Nacht der Aufbewahrung", in der
"ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen"
nur auftaucht, um gleich wieder zu verschwin-
den; wie "in phantasmagorischen Vorstellungen
ist es ringsum Nacht; hier schießt dann ein
blutiger Kopf, dort eine andere weiße Gestalt
plötzlich hervor und verschwinden ebenso" .
4 Der Zustand, den die archaischen Ekstase-
techniken der Naturreligionen hervorzu-
rufen suchen, besteht, wie Hegel in einer
sehr abfälligen Bemerkung über den 'Kultus in
der Religion der Zauberei' bemerkt, in "sinnli-
che [rl Betäubung, wo der besondere Wille ver-
gessen, ausgelöscht und das abstrakt sinnliche
Bewußtsein aufs höchste gesteigert wird. Die
Mittel, diese Betäubung hervorzubringen, sind
Tanz, Musik, Geschrei, Fressen, selbst Mischung
der Gesdilechter." Von solcher Naturhaftigkeit
ist allerdings die Tekknoparty weit entfernt. In
ihr gelangen .Trance- und Ekstasetechniken zu
einer abstrakt- technischen Perfektion, die mit der
Sinnlichkeit naturreligiöser Verschmelzung
nichts mehr zu tun hat. Die Auflösung, die das
Subjekt im Tekkno-Kult erfährt, hat eher den
Charakter der Zerlegung als der Vermischung;
die Körpergrenzen zerfließen nicht, sie werden
zerhackt. Die Dekomposition des Ich im Stakkato
des Tekknobeats, die maschinelle Zerstückelung
des Körpers in Partialobjekte unterm Stroboskop-
gewitter, das ist Negativitätserfahrung auf dem
heutigen Stand der Produktivkräfte. In der ehe-
maligen Charterhalle des alten Flughafens kön-
nen alle, die fünfzehn Markzu opfern bereit sind,
ohne Gefahr des Todes in die Nacht ihrer
Subjektivität eintreten.
5 Der Bück in die "Nacht der Welt" gehört
allerdings, wie Hegel betont, dem "träu-
menden Geiste" an: dieser kommt nicht
umhin. Irgendwann zu erwachen, d.h.: das
magische Viereck der Tanzfläche zu verlassen.
Nicht umsonst aber spricht Hegel von diesem
Erwachen als dem Eintauchen in "das Reich der
Namen". Und tatsächlich: eben noch ganz "reines
Selbst" und versunken in einer Nadit "jenseits der
Welt" ("Ultraworld" nennen sich diese Tanzaben-
de), sieht sich das Tekkno-Subjekt, auch wenn es
vielleicht nur mal kurz aufe K!o wollte, wieder
ganz dem strengen Regiment jenes "Reichs des
Namen" unterworfen, das die Freizeitindustrie
im Namen der "neuen Münchner Hallenkultur"
der aufgelösten Ordnung des Flughafens aufge-
pfropft hat. Wie sich des alten Adams "erste
Schöpferkraft" zunächst mal darin geäußert hat,
"allen Dingen einen Namen" zu geben , so
machen auch die neuen Herren über die alten
Terminals ihr "Majestätsrecht und erste Besitzer-
greifung" geltend, indem sie symbolisch Bezirke
abstecken, eine ganze Ordnung der Trennungen,
der Absperrungen und der kanalisierten Bewe-
gungen entwerfen, die dann allabendlich nur
noch von austauschbaren Konsumenten-Subjek-
ten ausgefüllt zu werden braucht. Wegweisende
Schilder lenken dich in deine Warteschlange:
"Orange disoo", "Kontaktparty", "Fangoparty",
"Bundymania" oder eben Ultraworld; Security-
Schergen checken deinen body auf mögliche
Sicherheitsrisiken ab, schlagstockbewehrte Uni-
formierte verwehren deinem unbefugten, schon
nicht mehr träumenden Geist den Zutritt zu
einem "V.I.P.-Lounge" genannten Sperrbezirk,
Sanitäter patrouillieren durch die Wartehallen,
und vor den Klos wacht ein schläfriger Student
über die Einhaltung der symbolischen Grenze
zwischen Damen und Herren.
6 Alles verhält sich ganz so, als müßte hier
der Gefahr einer im Tekkno-Rausch er-
zeugten Zerfalls-Energie durch die pro-
phylaktische Identitätsfixierung des Subjekts
und die ordnungsmäßige Begrenzung seiner
Handlungsmöglichkeiten begegnet werden; es
ist, als ob der in der stroboskop-durchzuckten
"Nacht der Welt" bloß simulierte Zusammen-
bruch der symbolfedien Ordnung sogleich eine
paranoid -despotische Überproduktion von sym-
bolischen Begrenzungen und Einschränkungen
ins Leben rufen müßte. Wenn's wahr ist: denn es
ist ja nicht gesagt, daß die Repression und die
Leidenschaft der Unschädlichmachung noch ei-
nen Indikator für eine geheime subversive Kraft
abgeben. Jedenfalls: wenn Tekkno sich der He-
gelschen Tradition als würdig erweisen will, muß
es (wie der Hegeische "Krieg") die Subjekte "von
Zeit zu Zeit" durch Tekknoparties erschüttern,
"ihre [...l zurechtgemachte Ordnung I...J verlet-
zen und verwirren" . Richtig ist, daß es dazu
einen Schauplatz braucht: irgendwo muß sich
schließlich die Ultra-Welt in unser Universum
hinernstülpen, irgendwo müssen die Boxen ste-
hen. Der Riemer Freizeitknast der Ordnungs-
wächter und Jugendingenieure aber ist der
übelste Landeplatz für alles, was ein wenig
Fremdheit bewahren will: hier ist der trance- und
traumhapperte Weltuntergang nichts anderes als
ein theatralischer Schein, eine folgenlose Illusion;
die "Nacht der Welt" nur eine profitable Geister-
bahn. XXX
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